Gesundheit in allen Ecken
Ansätze zur Übertragung der Theorie von
M.-L. Friedemann in ein „Haus des Lebens“
Mit ihrer Pflegetheorie „Familien- und umweltbezogene Pflege nach der Theorie des systemischen Gleichgewichts“ beschreibt Marie-Luise Friedemann ein Pflegeverständnis, das in vielen stationären und auch ambulanten Hospizen gelebt und gepflegt wird, wenn auch oft unbewusst.
Der Hospizgast wird mitsamt seinen „Zugehörigen“ wahrgenommen und gepflegt. Im Mittelpunkt der Pflegetheorie Friedemanns, als Ziel des Individuums sowie seiner Familie und auch im Zentrum des Diagramms, steht die Gesundheit, die jeder Mensch als kraftspendende Energie empfindet.
Grundlage dafür ist ein Systemgleichgewicht; eine Kongruenz, die auch bei körperlichen Beschwerden, selbst bei unheilbarer Krankheit und sogar im Sterben möglich ist. Bei diesem Konzept, das die Familie immer mit einschließt, sollen Fähigkeiten statt Defizite Ansätze für Veränderungen und Pflegehandlungen sein, um der „Förderung der Familiengesundheit“ näher zu kommen.
Friedemann gründet ihre familien- und umweltbezogene Pflege auf der Theorie des systemischen Gleichgewichts, die wiederum auf „gewissen Grundsätzen der Systemtheorie“ beruht*
1) Durch den systemischen Ansatz werden je nach Perspektive das Individuum, die Familie und die Umwelt als miteinander verknüpft betrachtet, was aufgrund des wechselseitigen Einflusses nicht voneinander getrennt werden kann.
Der systemische Prozess trifft bei allen Kulturen zu, während die bestimmten Muster, durch die ein Gleichgewicht der Ziele hergestellt wird, und die Verhalten, die dazu gebraucht werden, kulturspezifische und familienspezifische Charaktere darstellen, mit denen bestimmte Familientypen definiert werden können.
2) Der Mensch als kleinste Einheit sucht seinen Platz in den Systemen, in denen er lebt, und ist darum bemüht, ein angstfreies und sinnvolles Leben zu führen. Er versucht, Kongruenz zu erreichen, indem er entweder seine systemischen Ziele und Prozesse jenen der Systeme seines Umfeldes anpasst oder aber störende Einflüsse aus der Umwelt versucht, rückgängig zu machen, um selbst unverändert zu bleiben. Das menschliche Verhalten richtet sich deshalb auf die vier Ziele:
3)
A) Stabilität ! schützt vor der Angst, das System könnte zerfallen und umfasst überdauernde Muster, auf die man stolz ist.
B) Wachstum ! schützt vor der Angst vor Unfreiheit und Zwang, sich anderen zu fügen und betrifft die Flexibilität zur Selbstentwicklung und Neuanpassung.
C) Regulation/Kontrolle ! schützt vor der Angst vor zerstörenden Einflüssen und betrifft die Organisation des Systems, durch die sich das System absichert.
D) Spiritualität ! schützt vor der Angst vor Isolation und Verlassenheit und umfasst Anstrengungen, Verbindungen anzuknüpfen mit Menschen, Umwelt oder Gott und Sinn im Leben zu suchen.
Diese vier Ziele arbeiten zusammen, um Kongruenz anzustreben. Sie bewegen sich nach aussen, indem sie das System mit der Umwelt verbinden. Sie bewegen sich auch nach innen, um die Teile des Systems miteinander zu verbinden. Das Produkt dieser Innenbewegung ist Gesundheit
4) Das richtige Maß der Ziele kann nur das Individuum bestimmen. Die möglichen Verhaltensweisen, die zu den Zielen führen, können in vier definierbare Prozess-Dimensionen eingeteilt werden:
A) Bei Kohärenz geht es um Zusammenhalt, Geborgenheit und Beziehungen zu Menschen oder zu Gott (z.B. Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie, offene und bereichernde Kommunikation / Austausch, Liebe, Religion).
B) Systemerhaltung bedeutet Sicherheit, Lebenserhaltung und stützende Routinen (z.B. grundlegende Werte und Traditionen, Rollen, körperliches wie geistiges Wohlergehen, Familienrituale und –organisation, Handlungen der Selbstpflege).
C) Systemänderung bewirkt Freiheit und Selbstbestimmung (z.B. Änderung der Lebensmuster / Anpassung an die Umwelt durch inneren oder äußeren Druck oder Unzufriedenheit, neue Berufsschwerpunkte, andere Lebensziele).
D) Individuation stärkt und dient der Erhaltung des Ichs, reduziert die Abhängigkeit von anderen Menschen (z.B. das eigene Potential nutzen / Entfaltung, das Meistern von Problemen, Unabhängigkeit, das Leben verstehen.
5) Gesundheit der Familie bedeutet Kongruenz im Inneren und mit der Umwelt sowie Angstarmut und Zufriedenheit der Familienmitglieder. Handlungen einer gesunden Familie beziehen sich auf alle vier Prozessdimensionen, doch die Bedeutung jeder einzelnen Dimension unterscheidet sich von Familie zu Familie und je nach Situation oder Lebensphase der einzelnen Familie. Die Familiengesundheit
kann nur nach subjektiven Kriterien ihrer Mitglieder bewertet werden.
6) Bei der Pflege der Familie empfängt ein ganzes soziales System Unterstützung auf dem Weg zu gesunden Prozessen. Die Förderung der Gesundheit wird erreicht durch ein besseres Miteinander, durch konstruktiven Austausch und ein besseres gegenseitiges Verstehen. Ziel bleibt die stabile Kongruenz der Familie mit ihrer Umwelt, was auch die Gesundheit ihrer einzelnen Mitglieder fördert.
Bei der Hospizversorgung (Behandlung, Begleitung und Pflege) gilt es, alle Beteiligten in den Prozess mit einzubinden und ihnen, trotz der bewegenden Umstände, den Weg zu einer eigenen Gesundheit und zu der ihrer angegliederten Systeme zu ermöglichen.
Zentrale Begriffe
Angst ! in einer weiten Bedeutung: diese meint Leiden, Unwohlsein, Befürchtungen und Bedenken haben, ein Ungleichgewicht erleben, Mangel an Wachstum oder Kontrolle haben. Dem gegenüber steht die Gesundheit ! im Sinne von Wohlgefühl, Gleichgewicht, Freude, Zufriedenheit, ein Nicht-Leiden unter einer Krankheit oder einer Situation.
Kongruenz ! Übereinstimmung aller Systeme Familie/Zugehörige ! nach Friedemann jene Menschen, „die diese Person als ihre Familie betrachtet.
7) Angehörige, Freunde und/oder Bezugspersonen
Pflege ! wird bei Friedemann weit verstanden und bezieht auch andere Tätigkeitsgruppen
ein wie Seelsorge, Medizin, Ehrenamt…
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